Der Geizige

Theateraufführungen haben im Lee Tradition. Die Aufführung von Molières „Der Geizige“ begeisterte durch eine gekonnte Inszenierung und starkes Schauspiel. Besonders die Darstellung des Geizigen war überzeugend: Mit feinen Gesten und pointiertem Spiel brachte Diederik Bax die Ängste und Obsessionen seiner Figur eindrucksvoll zur Geltung. Die Schüler:innenband Lees Éléephants untermalte das Geschehen musikalisch und verstärkte in entscheidenden Momenten die innere Unruhe von Monsieur Harpagon. Gleichzeitig sorgten Nebenfiguren wie der Koch/Kutscher oder der radschwingende La Flèche für humorvolle, aber auch berührende Momente – mit ihnen litt und lachte das Publikum gleichermassen.

Olivia Keller ist zusammen mit Beat Müller, der das Ehemaligentheater inszeniert, seit Jahren für die Theaterproduktionen im Hause verantwortlich und gibt Auskunft.

Liebe Olivia, seit Jahren bist du Dreh- und Angelpunkt der Theatergruppe des Lee. Wie hat das alles angefangen?

Das Theater fasziniert mich schon immer: Einen Text zum Leben zu erwecken, indem er dargestellt wird, und so ganz neue Dimensionen der Interpretation zulässt, ist die Verschmelzung von intellektuellen Fähigkeiten, Gefühlen und Kreativität. Also etwas höchst Menschliches, Humanistisches. Und wenn es den Darstellern gelingt, die Rolle zu leben, nicht nur zu spielen, und der Regisseur das Stück verstanden hat, dann ist Theater vollkommener Genuss.

Ja, angefangen hat alles 2008 mit einer Klasse, die mit mir ein Theaterstück aufführen wollte. Ich konnte das mit Christian Hoffmann, der damals das Theater im Lee leitete, zusammen machen. Wir haben «Romulus der Grosse» von Dürrenmatt aufgeführt. Die Zusammenarbeit mit den Schüler:innen hat mir so gut gefallen und mich so bereichert, dass für mich klar war, das möchte ich weiterführen. Und daran hat sich bis heute nichts geändert.

Erzähl uns kurz, was hinter einer Aufführung wie “Der Geizige” steckt: Wie steht es um den Umfang der Proben? Wie lernen Schauspieler:innen ihren Text? Wie bringt ihr am Ende alles zusammen gleichzeitig auf die Bühne?

Ja, wir machen alles, wirklich alles in der Freizeit – bis auf einen Tag! Die regulären Proben sind immer am Mittwoch nach dem Unterricht und an ausgewählten Samstagen, je näher die Aufführungen dann kommen, werden Feiertage und die Wochenenden einbezogen. Vor allem die letzten zwei Monate vor der Aufführung sind sehr intensiv. Aber wer sich darauf einlässt, bekommt viel zurück. Und es ist klar, so eine Theateraufführung kann nur entstehen, wenn wir alle an einem Strick ziehen.

Natürlich steht am Anfang immer die Stückwahl. Die Idee, Molière zu spielen, kam von Schauspieler:innen. Und da ich ein grosser Fan von Molière bin, mich lange mit seinen Stücken und seinem Leben befasst habe, fiel mir die Wahl nicht schwer. Wir lesen das Stück immer gemeinsam in der Gruppe, um es zu verstehen. Bei der Rollenvergabe versuche ich immer die Wünsche der Schauspieler:innen zu berücksichtigen. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass man in seine Rolle hineinwachsen kann. Sobald jeder seine Rolle hat, proben wir die einzelnen Szenen, und da müssen natürlich nur diejenigen anwesend sein, die es braucht. Es ist klar, je grösser die Rolle, desto mehr Proben. Diederik zum Beispiel musste bis auf ein paar wenige Ausnahmen immer anwesend sein. Jeder lernt den Text ganz unterschiedlich, die einen sofort, die andern immer wieder ein wenig und wieder andere auf den letzten Drücker. Im Theater treffen verschiedenste Lernhaltungen und Persönlichkeiten aufeinander. Wir müssen uns aufeinander einlassen und Freude an der Vielfalt entwickeln, nur dann ist so eine Erfolgsstory wie «Der Geizige» möglich. Ja, und natürlich muss ich alles im Auge haben von der Ausschreibung über den Flyer bis zur Bar und alles zur richtigen Zeit organisieren. Schön ist aber, dass ich immer von Ehemaligen unterstützt werde, wie dieses Jahr von Avian bei der Regie oder Fiona bei den Kostümen. Ja, und natürlich sind die Techniker, die sich in die ganze Licht- und Tontechnik der Aula eingearbeitet haben, extrem wichtig. Sie haben eine grosse Verantwortung, ohne sie geht es nicht, denn die Schauspieler:innen orientieren sich bei den Einsätzen sehr oft am Licht. Speziell an dieser Inszenierung war die Zusammenarbeit mit der Band «Lees Eléephants». Da muss natürlich ganz genau überlegt werden, welche Lieder und wann und wo welcher Songtext eingesetzt werden kann. Simon Winiger war da massgeblich beteiligt. Vier Tage vor der Aufführung haben wir dann alles zusammengefügt. Was man auch nicht vergessen darf, ist die Theaterbar. Sie gibt dem Ganzen noch einen geselligen Rahmen, den nun schon zum zweiten Mal einige Herren der Klasse 3f ermöglicht haben. All diese engagierten und tollen Menschen braucht es, nur so kann eine Aufführung wie «Der Geizige» entstehen.

Etwas ist vielleicht noch wichtig: Wir «schultheäterln» nicht. Jeder Aufführung geht eine intellektuelle Leistung voraus, und dann natürlich auch eine kreative. Um eine Rolle umsetzen zu können, muss man sich mit dem Stück und dann mit der Rolle auseinandersetzen, um sie verinnerlichen zu können. Um einem literarischen Stoff gerecht zu werden, muss man sich auf ihn einlassen, nur dann kann man ihn auch darstellen und dabei immer besser werden. «Der Geizige» ist eine Komödie, deren Grundthematik, übrigens auch die Hauptfigur, absolut nicht lustig ist, sodass die Inszenierung dann mit Schwung, einer gewissen Leichtigkeit und lustig daherkommt, für die Regie und die Schauspieler:innen eine grosse Herausforderung ist. Ich freue mich enorm, dass den Schauspieler:innen dies gelungen ist.

Theateraufführungen zählen im Lee fix zum Terminkalender. Was würde der Schule fehlen, wenn es kein Theater gäbe?

Genau das würde der Schule fehlen: ein Ort ohne Benotung, wo alle willkommen, wichtig und geschätzt sind, egal wie alt und aus welcher Klasse, wo sich jeder so einbringen kann, wie er ist, und mit dem, was er kann. Hier werden Freundschaften geschlossen und wird Freundschaft gelebt. Das Theater basiert auf der freiwilligen Kooperation aller. Auf diesem Fundament ist die Leistung, die sich dann an den Aufführungen entfaltet, möglich. Das alles hat man doch als Zuschauer:in gespürt und gesehen!

Interview geführt: Raphael Sigrist
Bilder: Peter Stucki