Die Suche nach Glück
152 junge Erwachsene hatten am 4. Juli 2026 Grund zum Feiern, als sie nach ihrer Schulzeit an der KS Im Lee endlich ihr Maturzeugnis in den Händen hielten. Doch bevor es so weit war, mussten sie schriftliche und mündliche Prüfungen in etlichen Fächern ablegen.
Dazu gehört auch der Maturaufsatz im Fach Deutsch. Vier Stunden (nicht Lektionen!), also ganze 240 Minuten, stehen den 4. Klässler:innen zur Verfügung, um eines von fünf Themen zu bearbeiten.
Was entstehen da für Texte? Lesen Sie selbst!
Lorca Holscher (4b) hat ein Märchen geschrieben zum folgenden Zitat vom römischen Politiker, Philosophen und Schriftsteller Lucius Annacus Seneca (ca. 4 v.Chr. – 65 n.Chr.): «Glücklich ist nicht, wer dem anderen so vorkommt, sondern wer sich selbst dafür hält».
Wer weiss? Vielleicht lernen Sie bei der Lektüre selbst etwas über die Suche nach dem Glück. Viel Spass bei der Lektüre.
Stefanie Bäurle
Die Suche nach Glück
Es war einmal ein Mädchen, dem das Glück abhandengekommen war. Das Mädchen war schon immer glücklich gewesen, sein ganzes Leben lang. Das Glück war geradezu aus seinen Poren gedrungen und hatte jeden in seiner Umgebung angesteckt. Immerzu mussten alle, mit denen das Mädchen sprach oder in dessen Gegenwart es sang, lachte oder sprang, grinsen. Man konnte gar nichts dagegen tun.
Doch eines Tages, als das Mädchen aufwachte, merkte es, dass sein Glück abhandengekommen war. Es war nicht wie ein Feuer langsam heruntergebrannt und jetzt aus, sondern wie mit einem Lichtschalter von einem Moment auf den anderen ausgeschalten worden. Es war, als ob jemand das Glück gestohlen hatte. Das Mädchen entschied sich dazu, so zu tun, als wäre das Glück nicht weg, es würde weiterhin springen und lachen und singen. Denn vielleicht würde das Glück ja wieder zurückkommen, wenn es nur lange genug so tat. Für alle Menschen, die das Mädchen sahen, wirkte es wie immer. Das Grinsen schlich sich zwar etwas verspätet auf ihre Gesichter, aber das merkte niemand. Nur im Mädchen drin wurde es immer dunkler und düsterer.
Nachdem das Mädchen so einige Tage das Glück gespielt hatte, war seine Energie aufgebraucht. Es entschied sich, das Glück zu suchen. Wenn es jemand geklaut hatte, dann würde das Mädchen sich sein Glück wieder zurückklauen.
Und so machte sich das Mädchen auf den Weg. Es lief und lief und lief, immer weiter der Nase nach. Die Landschaft um das Mädchen wurde immer trockener. Die Sonne stach herab aus dem Himmel und verbrannte alles gnadenlos. Der Boden bestand aus harten Gesteinsbrocken in den verschiedensten Farben und Formen. Die kleinsten waren ein Sandkorn und die grössten grösser als das Mädchen. Wenn das Mädchen müde war, legte es sich in den Schatten eines Felsens, danach lief es wieder weiter.
Nach einiger Zeit traf das Mädchen einen Geier. Er sass auf einem vertrockneten Ast in der Luft und überschaute das Land. Das Mädchen blieb unter dem Ast stehen und schaute hinauf. Die Sonne blendete und keine Wolke war am Himmel zu sehen. Der Geier sass wie ein schwarzer Schatten gegen den stahlblauen Himmel und schaute auf das Mädchen hinab. Schliesslich rief das Mädchen mit dünner Stimme hinauf: «Ich suche mein Glück, jemand hat es mir gestohlen. Hast du es gesehen?» Der Geier schaute das Mädchen mit einem Auge an, drehte den Kopf und schaute es mit dem anderen Auge an. Dann breitete er die grossen Schwingen aus, stiess sich vom Ast ab und schwebte ohne Flügelschlag zu Boden. Das Mädchen wich einige Schritte zurück. Trotzdem wiederholte es seine Frage. Der Geier schaute das Mädchen einen Moment mit beiden Augen an und antwortete dann, er habe kein Glück gesehen, er wisse überhaupt nicht, wie Glück aussehen solle. Dann fügte er hinzu, er habe auch nie Glück gefühlt, er wisse gar nicht, wie sich das anfühle. Der Geier tat dem Mädchen leid, es fing an, sein Glück zu beschreiben, um dem Geier ein Bild zu vermitteln. Mittendrin brach es ab. Es wusste nicht mehr, wie sich sein Glück angefühlt hatte. Es wisse nur, dass es jetzt weg sei, erklärte es dem Geier. Dort, wo das Glück zuvor gesessen habe, befinde sich jetzt nur eine leere Stelle. Der Geier überlegte einen Moment und versuchte dann, das Mädchen zu trösten. Das Glück spiele auch nicht so eine wichtige Rolle, man müsse nur genug zu essen und zu trinken haben. Er wandte den Kopf und umfasste die ganze Steinwüste mit einer Bewegung. Das alles sei sein Herrschaftsgebiet, erklärte er dem Mädchen stolz. Nur das sei wichtig. Das Mädchen blickte auf die heissen Steine in all ihren Farben. Das Mädchen blickte hinauf in den blauen Himmel, an dem die Sonne hing und so gnadenlos brannte. Die Luft über den Steinen war so heiss, dass sie schillerte. Das Mädchen liess sich die Worte des Geiers durch den Kopf gehen und merkte sie sich. Es bedankte sich bei dem Geier und machte sich wieder auf den Weg.
Das Mädchen lief weiter und weiter. In der Ferne fing es an zu rauschen und mit jedem Schritt wurde es lauter. Da kam das Mädchen an einen grossen Strom. Er war durch einen Hang begrenzt, auf dem kleine Pflanzen wuchsen. Das Wasser rauschte und riss alles mit sich, was ihm in die Quere kam. Das Mädchen hatte keine Chance, hinüberzukommen. Also lief es stromaufwärts weiter, links neben sich das Wasser und rechts die Wüste. Mit der Zeit floss der Strom langsamer und verlor an Kraft. Und je weiter das Mädchen lief, desto ruhiger wurde das Wasser und das Flussbett schmaler. Das Mädchen konnte kleine und grosse Fische sehen, die mit der Strömung hin und her zischten und sich zwischen den Algen versteckten. Es setzte sich an das Ufer und liess seine Beine in das kühle Wasser baumeln. Eine Wolke war vor die Sonne gezogen und spendete etwas Schatten.
Als das Mädchen sich wieder auf den Weg machte, fing es an zu nieseln, kleine Tropfen benetzten die heissen Steine neben dem Fluss. Der Regen wurde stärker und stärker. Er kühlte den Boden und befeuchtete die Luft. Man konnte nicht mehr in die Ferne sehen, so dicht fielen die Tropfen. Das Mädchen war nach kürzester Zeit bis auf die Haut durchnässt. Es spürte eine tiefe Traurigkeit in sich, die dunkel und alt war. Das Mädchen merkte, dass die Traurigkeit schon seit langer, langer Zeit in ihm harrte und wartete. Aber das Mädchen hatte nie Zeit für die Traurigkeit gehabt, vor lauter Glücklich-sein. Jetzt stieg diese Traurigkeit hoch und ergriff das Mädchen mit voller Wucht. Sie war wie eine Welle, die das Mädchen verschluckte und mit sich zog. Das Mädchen gab sich der Traurigkeit hin, es war von aussen und innen durchnässt und der Welt entrissen.
Es lief weiter und als der Regen wieder aufhörte, sah das Mädchen, dass es an ein Gebirge gekommen war. Die Traurigkeit zog sich zurück und wurde für den Moment zu einem kleinen, dunklen Ball, im Bauch des Mädchens.
Vor ihm türmten sich die Berge, bis in den Himmel hinauf. Das Mädchen fing an, die Berge zu besteigen. Ein Wind zog zwischen den Bergen hindurch. Das Mädchen war schon fast wieder getrocknet. Immer weiter hoch kletterte es, da bemerkte es eine Bewegung neben sich. Aber es war niemand zu sehen, nur Felsen und ab und an eine kleine Tanne oder ein Busch. Das Mädchen kletterte weiter und wieder bewegte sich etwas neben ihm. Ein grosser Puma huschte die Felsen hinauf, immer den Abstand wahrend. Als der Puma bemerkte, dass das Mädchen ihn entdeckt hatte, hielt er an. Er setzte sich auf einen Felsen und blickte ins Tal. Das Mädchen setzte sich neben ihn. Es fragte: «Verfolgst du mich?» Der Puma verneinte und bejahte dann. Er erklärte, er würde alle, die sich in den Bergen bewegen, beobachten. Er wisse immer, wer wo sei. Das Mädchen nickte und schaute sich die Berge an. Es fragte den Puma, ob der das Glück des Mädchens gesehen habe. Der Puma fragte, wie das Glück aussehe, er habe viel in den Bergen gesehen. «Mein Glück ist wie gesponnenes Licht und eine ganz kleine Kugel, die immer in meinem Bauch war. Von dort hat das Glück durch alle Fasern meines Körpers geschienen. Aber jetzt ist die Kugel weg», erklärte das Mädchen. Dann fügte es hinzu: «Aber jetzt habe ich eine andere Kugel im Bauch. Aber es ist nicht mein Glück, sondern die Kugel besteht aus Wasser. Diese Kugel strahlt nicht, sondern ist dunkel, nass und kalt. Es ist eine Traurigkeit, die ich lange Zeit ignoriert habe, und jetzt hat sie den Platz meines Glücks eingenommen.» Der Puma hörte sich an, was das Mädchen erzählte. Er antwortete, sein Glück sei nie eine Kugel gewesen und auch nicht so allergreifend. Er habe sich auch nie so viele Gedanken über das Glück gemacht. Dann fügte er hinzu, dass er glücklich sei, wenn er das machen könne, was ihm gefalle. Aber hier sei niemand mit dem Glück durchgekommen, niemand habe so eine Kugel transportiert. Das Mädchen bedankte sich bei dem Puma und wollte sich wieder auf den Weg machen. Der Puma bot ihm an, dass er das Mädchen auf seinem Rücken durch die Berge bringen könnte. So ritt das Mädchen durch die Berge, die Welt flog an ihm vorüber und verwischte zu Schatten. Der Puma brachte das Mädchen auf die andere Seite des Gebirges. Als sie dort angekommen waren, liess er es absteigen und wünschte ihm viel Glück. Das Mädchen bedankte sich, stieg den letzten Abhang hinab und liess die Berge hinter sich.
Jetzt lief es wieder selbst. Es kam durch einen grossen Wald. Es gab alte Bäume, die ihre Äste bis in den Himmel streckten und leise im Wind rauschten. Der Boden war mit weichem Moos und Tannennadeln bedeckt und weisse Sternblumen sprossen darauf. Durch das Blätterdach schienen Sonnenstrahlen und kleine Insekten tanzten in dem Licht. Das Mädchen traf einen Raben. Der Rabe sass auf dem Boden und versuchte eine Nuss zu öffnen. Das Mädchen ging langsam auf den Raben zu. Der Rabe pickte vergebens auf die Nuss ein, sie öffnete sich nicht. Schliesslich fragte das Mädchen, ob es helfen könne. Der Rabe krächzte verärgert, wie das Mädchen ihm denn helfen wolle. Das Mädchen war verwundert, eine solche Frage hatte ihm noch nie jemand gestellt. Das Mädchen sagte, es wisse nicht wie, aber es würde gerne helfen. Dann fügte es hinzu, dass es nämlich ebenfalls Hilfe brauche. Der Rabe konnte die Nuss immer noch nicht öffnen und bot dem Mädchen einen Handel an. Für die geöffnete Nuss wolle er dem Mädchen auch helfen. Als die zwei es endlich geschafft hatten, die Nuss zu öffnen, schilderte das Mädchen sein Problem. Sein Glück war gestohlen worden, erzählte es dem Raben. Da fing der Rabe an zu lachen. Er lachte so lange, bis sein Bauch wehtat. Dann sah der Rabe, dass es dem Mädchen ernst war und er fragte, wie das Glück denn aussehe, falls er den Dieb sehe. «Mein Glück ist eine kleine, goldene Kugel aus gesponnenem Licht, die immer in meinem Bauch war. Von dort hat das Glück alle meine Gliedmassen erfüllt. Aber jetzt ist die Kugel weg. Und stattdessen habe ich eine Wasserkugel. Diese saugt alles auf und wird doch nicht heller. Sie ist dunkel und nass», erzählte das Mädchen. Der Rabe versprach, nach dem Glück Ausschau zu halten, und nahm dem Mädchen das Versprechen ab, dass, wenn das Mädchen das Glück nicht bald wiederfände, es sich dann auf seine anderen Eigenschaften verliesse, denn das Glück sei nicht das Einzige, was einen Menschen definiere. Das Mädchen versprach es ihm und machte sich dann wieder auf den Weg. Der Rabe schaute ihm hinterher und sorgte sich ein wenig. Mittlerweile war ihm das Mädchen doch ans Herz gewachsen.
Das Mädchen war schon seit einer Weile fort und ging dem Raben doch nicht aus dem Sinn. Er flog los, um es zu suchen und wenigstens zu begleiten auf einem Stück des Weges. Er flog in die ungefähre Richtung, wo er es zuletzt gesehen hatte, und konnte schon bald eine kleine Gestalt sehen. Das Mädchen blickte überrascht auf, als der Rabe wieder neben ihm war. Es freute sich, dass er es begleiten wollte.
Der Rabe bemerkte, dass das Mädchen gar nicht unglücklich wirke, nur etwas verloren. Das Mädchen erzählte ihm von seiner früheren Wirkung auf alle, wie das Glück aus seinen Poren drang und jeden im Umfeld glücklich machte. Da erwiderte der Rabe, dass er jetzt gerade glücklich sei, hier mit dem Mädchen unterwegs zu sein. Dann verstummten beide und gingen nebeneinander her. Das Mädchen erinnerte sich an die Traurigkeit, die in seinem Bauch ruhte und war froh, dass es jetzt Zeit hatte für die Traurigkeit. Der Rabe und das Mädchen durchquerten den Wald und kamen an ein grosses Meer. Aber sie liefen weiter und weiter und weiter. Sie liefen über Wiesen, durch Wälder und über Berge.
Schon bald suchte das Mädchen nicht mehr nach seinem Glück. Es fühlte eine Bandbreite an Gefühlen und versuchte möglichst keines zu verdrängen. Der Rabe und das Mädchen redeten mit allen, die sie trafen über Glück und wie sie es fühlten. Und alle Antworten behielt das Mädchen in seinem Herzen und merkte sie sich. In seinem Bauch tummelten sich kleine, bunte Kugeln, die abwechselnd alle Fasern des Mädchens erfüllten und aus ihm herausstrahlten. Ab und an war auch das Glück dabei.
Text: Lorca Holscher, Maturandin 2026 (ehemaliges 4b)
Foto: Judith Balla
